Die Trauer steht am Wegesrand / Trauer

Die Trauer steht am Wegesrand

Sie steht am Wegesrand.
Gebannt schaut sie dich an.
Niemand liebt sie.
Selten wird sie angeschaut.

Wenn du sie verdrängst,
verkennst du ihren Sinn.
Lass sie in dir wohnen.
Belohnen wird sie dich.
Sie braucht ihre Zeit.
Traurigkeit ist eine Lehrerin.

Sie spricht: “Bleib stehen!
Sehen sollst du,
was mit dir geschieht.”
Sie will dir etwas bringen.
Ringen sollst du mit ihr –
eigentlich spielen.

Vielen ist das zu schwer.
Sie sagt: “Erkenne,
benenne, was dich bedrückt.
Versteck dein Gesicht
nicht hinter Gleichgültigkeit,
sie schwächt, macht nicht stark.
Arg wird sie dich quälen.“

Echte Trauer macht dich weicher.
Reicher wirst du deinen Weg finden.
Sie begleitet dich ein Stück.
Zurück lässt sie dich,
wenn du wieder klar siehst.
Nicht umsonst stand
sie am Wegesrand.

© bmh Archiv 1980

***

Trauer

Die Trauer kennt,
wer den Mut gefunden
seinen Fuss
auf „Neulande“ zu setzen,
denn erst dann weiss er
um ihre Macht
und Kraft.

Die Trauer hält fest, den –
der zum Abschied nicht bereit,
umnebelt eifersüchtig das Beharren;
mischt sich ein
in jeden Schritt,
der zum „Leben“ führt.

Die Trauer verschlingt die Vergangenheit,
erwürgt gleich einer Hydra den Mut
neue „Lebenssichten“ zu wagen,
fordert heraus die Sammlung von Kräften,
die Freiheit in geweiteter Sicht
erlebend ermöglichen.

Die Trauer kennt,
wer das Vertrauen in seine Kraft
erneut gefunden.

© baH, 26.09.2013

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